A.T E.M. PROJECT LANGEN

 

 

A.T E.M. PROJECT
Skulpturen für die Flugsicherungs- und Wetterdienstschule Langen/Hessen, ausgeführt 1987-89

Die beiden Skulpturen bestehen aus vier Elementen: den Ausgangsformen Kugel und Pyramide und den Mutationen Flugkörper (Luft, Bewegung) bzw. Kubus (Erde, Statik). Natürliche und geometrische Form gehen eine Verbindung ein, verändern ihre Gestalt und schaffen neue Formen. Mittels einer Zeitschaltung wird bei Sonnenhöchststand die Metamorphose eingeleitet. Die Kugel öffnet sich, der Kubus wird entfaltet. Die Verwandlung der Pyramide schließt sich an: Ihr oberer Teil neigt sich, der Flugkörper wird frei und schwebt über dem Pyramidensockel. Bei Sonnenuntergang erfolgt die Rückverwandlung. Beide Objekte schließen sich und nehmen ihre Ausgangsform wieder an.
 
A.T E.M., ein Begriff, der eine künstlerische Konzeption sowie ihren manifesten Ausdruck - in zwei Kunst-Objekten - umreißt. Archaisch sind die drei auftretenden Grundformen: Kugel, Kubus und Pyramide. Technologisch ist das Konstruktionsprinzip beider Objekte. Und in ihrer Bewegung vollziehen beide eine Metamorphose. Dies alles bliebe recht lapidar; erst das Akronym fordert zu Widersprüchen heraus und wirft Fragen auf. Mit dem Leben, das uns quasi Atem eingehaucht wurde, begann unsere Geschichte, begann die Wahrnehmung dessen, was wir heute, nach unendlich vielen Metamorphosen, archaisch nennen können, und es begann mit Wissenschaft und Technik der Versuch des Menschen, die zweite Schöpfung zu vollbringen. Was im Begriff des Archaischen neben den Grundkörpern allerdings noch anklingt, ist das Bild einer längst verlorenen Einheit. Es erinnert an eine Epoche, in der Künstler, Wissenschaftler und Priester noch in einer Person vereint waren. Und in der intuitives, mehrdimensionales Erfassen der Weg zur Erkenntnis hochkomplexer aber elementarer Zusammenhänge war. In diese Welt gibt es kein Zurück. Das muß klar sein. Denn die Metamorphosen unserer Geschichte haben die Wissenschaft vorangebracht und, als Folge ihrer praktischen Anwendung, die Technik. Ganzheitliches, mehrdimensionales Denken fiel dabei dem Primat der Ratio, dem diskursiven Denkmodell zum Opfer. Gewonnen wurde eine bis an die Grenze gehende Beherrschung von Natur; die haben wir uns in der Tat untertan gemacht. Verloren allerdings haben wir dabei den Blick auf uns selbst. Statt dessen hat der Mensch, der ja Teil der Natur ist, auch sich selbst seiner eigenen Ideologie, dem neuen Glauben an die Technik, untertan gemacht. Er unterwarf sich der zweiten Schöpfung, die er kreiert hatte. Und vergaß darüber seine Fähigkeit, vielfältige Erkenntniswege zu beschreiten. Außer in der Kunst. Doch sie galt als eher belächelter Freiraum für Phantasie, Sensibilität und Liebe. Und nur weil man sich ihrer Einflußlosigkeit gewiß war, ließ man sie gewähren. Ein Dialog, der immer wieder aufflammte und in Leonardo da Vinci einen seiner engagiertesten Vertreter fand, verstummte mit dem Siegeszug der Technologie während der Industriellen Revolution vollends. Gleichzeitig wurden die Stimmen immer lauter, die nach neuer Sinngebung schrien. Denn die Pfeiler, die unser rein diskursives KartesianischNewton'sches Denkgebäude stützen, sind ins Wanken geraten. Um so heftiger, je deutlicher sie sich, entgegen ihrer inhärenten ideologischen Statik, als Mythos entlarvten. Marc van den Broek war schon früh vom Dialog der beiden, heute eher scharf getrennten Bereiche fasziniert. Und so begann er die Grenzen zu überschreiten, bis sie sich vor ihm auflösten und er sich sicher zwischen Kunst hier und Technik da bewegen konnte. Die Erfahrungen, die er als Grenzgänger machte, vermittelt er in seiner Sprache, der bildenden Kunst. Dabei waren ihm bei der Entstehung der beiden Kunstobjekte des Projektes.

A.T E.M. intuitives, mehrdimensionales Denken, also ganzheitliches Erfassen, sowohl Basis als auch begleitendes Konzept.
 
Ohne Schwellenangst bediente er sich des Spezialistentums sowohl einer inzwischen selbst archaischen Technologie, der Mechanik, als auch einer modernen, der Elektronik. Und in der Verbindung zweier heute durch tiefe Klüfte getrennter Denkmodelle entstanden die Metamorphosen von der Kugel zum Kubus, von der Pyramide zum Flugobjekt. Mit diesen künstlerischen Skulpturen hat Marc van den Broek ein Dialog-Angebot unterbreitet und mit intuitivem, mehrdimensionalem Erfassen einen wieder neuen Lösungsweg gegenüber der rigiden Stringenz der Technik gerade an der Schwelle zur diskursiven Desillusionierung eröffnet. Damit rücken Lösungen ins Blickfeld, hinter denen die Kunst bislang überhaupt kein Problem, die der Technik in ihrer Atomisierungstendenz als Einheit hermetisch verschlossen und die der Religion ohne Sinn erschienen. Marc van den Broeks Konzept versucht sich in einer Symbiose: mit synergetischem Effekt. 

© Dr. Detlef Kulessa
 

Kugel
Durchmesser: 3 m - Gewicht: ca. 10 t
Material: Eisenunterkonstruktion, 8 Segmente, gekümmpelte Messingbeplankung, 8 Steuerungsmotoren mit Drehgeber,
2 Hauptantriebe (Motor für Grundplatte), Steuerung: Computer AEG "A500", 2 Bahnen-Steuerung
Unterbringung von Antrieb und Steuerung unterirdisch: Fundament 5,50 m tief.
Computersimulation: Fachhochschule Wiesbaden, Fachbereich Maschinenbau, 3-D-Schulung. Leitung: Prof. Dipl.-Ing. W. Wagner

Pyramide
Höhe: 10 m - Grundfläche: 3,50 x 3,50 m - Gewicht: ca. 5 t
Material: Eisenunterkonstruktion, Messingbeplankung, 1 Drehstrommotor,
4 Steuerstangen, Doppelscharnier, elektronische Schaltuhr
Computersimulation: CAD-System "Catia", Dessault Systems, ausgeführt von Dipl.-Ing. Ulrich Reetz

03Zeichnung.jpg